Was der Euro wirklich bedeutet
Prof. Hans-Werner Sinn
- Präsident ifo Institut
Die Einführung des
Euro ist ein notwendiger Schritt in der politischen Entwicklung
Europas. Was aber bedeutet der Euro wirklich für die wirtschaftliche
Entwicklung dieses Kontinents und seiner Teile? Dass man nun
die Preise besser vergleichen und Wechselgebühren sparen
kann ist offenkundig, aber nebensächlich.
Die bei weitem wichtigste Implikation ist die Schaffung eines
gemeinsamen europäischen Kapitalmarktes, der mit dem Euro
von den Barrieren befreit wurde, die instabile Wechselkurse bedeuteten.
Noch im Jahr 1995 lagen die Zinsen langfristiger Staatsanleihen
in Italien oder Spanien um fünf bis sechs Prozentpunkte
über den deutschen Zinsen, weil internationale Kapitalanleger
hohe Risikoprämien verlangten, und ähnlich war es in
anderen Ländern. Nur Österreich und Holland hatten
die gleichen niedrigen Zinsen wie Deutschland. Mit der Ankündigung
und Einführung des Euro haben sich die Zinsen nahezu perfekt
angeglichen.
Die Konsequenz ist, dass der Rentabilitätsmaßstab,
dem reale Investitionen genügen müssen, überall
in Europa gleich ist, und dass die Firmen der peripheren Länder
nun zu den gleichen günstigen Bedingungen Kredite aufnehmen
können, wie sie früher den deutschen, österreichischen
und holländischen Firmen vorbehalten waren. Dies wird zu
einem Investitionsboom in den südlichen und peripheren Ländern
Europas führen, der sich in einer Erhöhung der gesamteuropäischen
Wachstumsrate niederschlägt. Wegen der Schaffung des einheitlichen
Kapitalmarktes wird die Konvergenz in Europa beschleunigt und
ein nachhaltiger Wachstumsschub erzeugt, der eine Dekade oder
länger anhalten kann.
Speziell für Deutschland bringt all dies jedoch ambivalente
Implikationen mit sich. Vermutlich wird Deutschland auch wegen
des Euro vorläufig das europäische Schlusslicht beim
Wachstum des Bruttoinlandsprodukts (BIP) bleiben. Ob dies einen
absoluten oder nur einen relativen Wachstumsnachteil bedeutet,
ist nicht klar. Zur Zeit sind die Zinsen noch so niedrig, dass
man aus der Verbesserung der Situation der anderen Länder
keine absoluten Nachteile für Deutschland herauslesen kann.
Indes könnte es passieren, dass die hohe Kapitalnachfrage
in den von den Risikoprämien befreiten Ländern das
deutsche Zinsniveau mittelfristig über jenes Niveau hinaus
erhöht, das sonst realisiert worden wäre. Dann entstünde
auch ein absoluter Wachstumsnachteil. Dieses Ergebnis ist sogar
relativ wahrscheinlich, wenn man bedenkt, dass im Außenverhältnis
nach wie vor flexible Wechselkurse herrschen, die einen perfekten
weltweiten Zinsverbund verhindern.
 |
weiter |

|
|