Venture Captial nach der Marktkonsolidierung
Seed und Frühphasenkapital kaum noch
erhältlich
Für die Finanzierung von High-Tech- Gründungen
aber auch von etablierten innovativen Unternehmen kommt außerbörslichem
Beteiligungskapital eine wichtige Rolle zu. Eine große
Rolle spielt dabei der Venture Capital Sektor, der in den letzten
Jahren eine turbulente Entwicklung durchlaufen hat. Eine aktuelle
Studie der KfW an der 47 % der Anbieter teilnahmen zeigt, dass
Seed- und Frühphasenfinanzierung kaum noch zu haben ist.
Der Trend geht hin zu Risikoscheu und damit zur Spätphasenfinanzierung
und der Spezialisierung auf Teilmärkte. Dies geht einher
mit einer klaren Segmentierung des deuschen VC-Marktes.
Dem starken Einbruch des VC Marktes nach dem
Platzen der New-Economy-Blase folgt seit 2004 eine Wiederbelebung
des Marktes, dessen Volumen jedoch noch immer deutlich hinter
den Werten der Boomjahre 2000 und 2001 zurückbleibt.
Im Zuge dieser sehr volatilen Marktentwicklung
durchlaufen auch die Marktstrukturen schnelle Veränderungen.
Diese wurden von der KfW im Herbst 2005 in einer Befragung der
177 Beteiligungs- gesellschaften analysiert, die Mitglied im
Branchenverband BVK sind. Ziel dieser Befragung, an der 47 %
der Unternehmen teil nahmen, ist es, einen aktuellen Überblick
über den deutschen Beteiligungskapitalmarkt zu geben und
darzustellen, inwieweit sich dieser von 2002 bis 2004 im Vergleich
zu den Jahren 1999 bis 2001 entwickelt hat. Hier nun die Hauptergebnisse
der Befragung:
Anbieterstrukturen: Verschiebung der Marktaktivität
zur Spätphase bei weiterhin kleinen Fondsgrößen
und deutlich verändertem Refinanzierungsumfeld. Das Platzen
der New-Economy-Blase hat zu einer kräftigen Verschiebung
der Marktaktivität im deutschen Beteiligungsmarkt weg von
der Früh- und hin zur Spätphase geführt. Diese
Verlagerung der Marktaktivität schlägt sich deutlich
in der Ausrichtung der Investmenttätigkeit der Gesellschaften
nieder. Die Beteiligungsgesellschaften haben sich tendenziell
aus der Frühphase zurückgezogen. So ist beispielsweise
der Anteil der auf die Frühphase spezialisierten Beteiligungsgesellschaften
zwischen 2002 und 2005 von 33 % auf 21 % zurückgegangen.
Innerhalb der Spätphase hat zudem eine Verschiebung zu größeren
Deals stattgefunden. Dieser Trend hin zu größeren
Spätphasendeals spiegelt sich auch in vergleichsweise hohen
Anforderungen der Spätphasengesellschaften hinsichtlich
der Mindestgröße der Zielunternehmen wider. So investiert
heute über die Hälfte der Spätphasenspezialisten
im Markt nur in Portfoliounternehmen, die zumindest einen Jahresumsatz
von 1,5 Mio. EUR aufweisen.
Die Verschiebung der Marktaktivität hin
zur Spätphase und zu größeren Einzeldeals geht
jedoch überraschenderweise nur bedingt mit einem Anstieg
der durchschnittlichen Fondsgrößen einher. Zwar ist
der Anteil großer Fonds von über 100 Mio. Euro Fondsvolumen
gegenüber der Befragung vor drei Jahren leicht gestiegen.
Der deutsche Beteiligungskapitalmarkt weist allerdings nach wie
vor viele Fonds mit Volumina von unter 25 Mio. Euro auf. Bei
diesen Kleinstfonds ist zu befürchten, dass sie möglicherweise
ineffizient klein sind, da sie nur eine geringe Diversifizierung
zulassen und eine Durchfinanzierung der Portfoliounternehmen
in Anschluss- finanzierungsrunden oftmals nicht möglich
ist. Insbesondere kleine Frühphasengesellschaften sind deshalb
verstärkt bestrebt, einen höheren Diversifizierungsgrad
durch Syndizierung mit anderen Beteiligungsgesellschaften zu
erreichen.
Hinsichtlich der Eigentümerstruktur und
der Refinanzierungsquellen von Beteiligungsgesellschaften war
der deutsche Beteiligungs- kapitalmarkt lange Zeit durch eine
starke Präsenz der Banken geprägt. Obgleich Banken
noch immer eine bedeutende Rolle im deutschen Beteiligungsmarkt
spielen, hat sich diese in den letzten Jahren gewandelt. So treten
Banken heute deutlich seltener als Hauptanteilseigner und Kapitalgeber
von Beteiligungsgesellschaften auf als noch zum Zeitpunkt der
Vorgängerstudie (2002).
Insbesondere als Hauptanteilseigner und Refinanzierungsquelle
unabhängiger Beteiligungsgesellschaften sind Banken nahezu
bedeutungslos geworden, da sie ihr (reduziertes) Beteiligungsgeschäft
heute verstärkt über eigene
Corporate-Venture-Capital-Gesellschaften durchführen.
Der Bedeutungsverlust der Banken und gleichzeitig
ein leichter Bedeutungszuwachs der in den USA und Großbritannien
für das Fundraising so wichtigen Pensionsfonds als Refinanzierungsquelle
kann als Annäherung an angelsächsische Beteiligungsmarkt-
strukturen gedeutet werden. Da neben dem Rückzug der Banken
jedoch auch die Industrie ihr Engagement in der Beteiligungs-
finanzierung zurückgefahren hat, haben die Beteiligungsgesell-
schaften verstärkt auf den öffentlichen Sektor als
Kapitalgeber zurückgegriffen.
Finanzierungsmuster: Spezialisierungsstrategien
der Beteiligungsgesellschaften bewirken eine verstärkte
Segmentierung des Beteiligungskapitalmarkts. Viele der im deutschen
Beteiligungsmarkt aktiven Beteiligungsgesellschaften verfolgen
eine
Strategie der Spezialisierung. Abgesehen von einigen großen
Generalisten sind die meisten Anbieter bestrebt,
sich durch Konzentration auf einzelne Marktsegmente und die Implementierung
spezifischer Geschäftsmodelle auf Teilmärkte oder gar
Marktnischen zu spezialisieren.
Durch den Einsatz der für ihren
Teilmarkt besonders geeigneten Dealselektionskriterien, Finanzierungsinstrumente,
Betreuungs- intensität und Exitkanäle versuchen die
unterschiedlichen Typen von Beteiligungsgesellschaften Spezialisierungsvorteile
zu realisieren. So setzen beispielsweise Frühphasenspezialisten
bei der Dealselektion in stärkerem Maße als Spätphasengesellschaften
zukunftsorientierte Kriterien ein und betreuen ihre Portofoliounternehmen
deutlich
häufiger aktiv (Hands-on-Management). Spätphasenspezialisten
wiederum greifen bei der Betreuung und dem Monitoring ihrer Portfoliounternehmen
weitaus stärker auf standardisierte Ratinginstrumente zurück.
Aber auch hinsichtlich des Einsatzes unterschiedlicher Finanzierungsinstrumente,
dem Ausmaß der Syndizierung oder der Wahl der Exitkanäle
zeigen sich je
nach Art, Größe und Finanzierungsphasenschwerpunkt
sehr große Unterschiede zwischen den Beteiligungsgesellschaften.
Die im Vergleich zur Befragung vor drei Jahren
leicht zurückgegangene Dynamik bei der Tendenz zur Spezialisierung
deutet allerdings darauf hin, dass viele Beteiligungsgesellschaften
inzwischen ihre Zielgruppen und Marktnischen gefunden
haben und die Strategiewechsel heute eher inkrementeller Natur
sind. Trotz dieser Spezialisierungstendenzen bei den Beteiligungsgesellschaften,
welche sich auch als Industrialisierung der Private-Equity-Branche
beschreiben lassen, weist die Branche jedoch nach wie vor stark
informelle Züge auf. So werden Netzwerke und Reputation
einer Beteiligungsgesellschaft nach wie vor als wichtigste Einflussfaktoren
für den Erfolg bei der Dealakquisition genannt. Als Folge
der beschriebenen Tendenzen zeichnet sich am Markt eine Segmentierung
zwischen tendenziell etablierten, größeren, erfahrenen
und eher in der Spätphase aktiven Beteiligungsgesellschaften
auf der einen Seite und tendenziell kleineren, in der Regel auch
jüngeren Beteiligungsgebern aus dem Frühphasensegment
auf der anderen Seite ab.
Die etablierten Anbieter sehen sich dank einer
in der Vergangenheit erworbenen Reputation und einer graduell
aufgebauten guten Integration in die Netzwerkstrukturen der Beteiligungsbranche
oftmals einem hohen Dealflow gegenüber. Die zuletzt genannte
weniger etablierte Anbietergruppe ist dagegen eher in Nischensegmenten
mit einem geringeren Dealflow aktiv. Der von den etablierten
Marktteilnehmern bediente Teilmarkt ist durch höhere Renditechancen
aber auch eine deutlich höhere Wettbewerbsintensität
charakterisiert als der von den jüngeren, weniger etablierten
Marktteilnehmern. Eine weitere Aufteilung des Marktes deutet
sich zwischen rendite- und förderorientierten Beteiligungsgebern
an. So sind insbesondere die förderorientierten Beteiligungsgeber
bereit, auch kleinteilige Investments zu tätigen, während
renditeorientierte Gesellschaften häufiger Mindestanforderungen
an die Deal- oder Unternehmensgröße haben. Entsprechend
ihrem Förderverständnis liegen die erwarteten Renditen
bei den förderorientierten Gesellschaften in der Regel deutlich
niedriger als bei den privaten Gesellschaften.
Neben den Marktsegmentierungstendenzen zeigt
sich, dass der Markt für Beteiligungskapital in Deutschland
insgesamt reifer geworden ist. Darauf weist eine Reihe von Indizien
hin: Erstens verfügt inzwischen ein Drittel der in Deutschland
aktiven Beteiligungsgesellschaften über eine Erfahrung von
mindestens 10 Jahren Marktaktivität. Auch ist insbesondere
bei den etablierten Spätphasenfinanzierern die Wettbewerbsintensität
deutlich gestiegen. So kommt heute ein nicht zu vernachlässigender
Anteil der aus Sicht der Beteiligungsgesellschaften akzeptablen
Deals nicht zustande, weil ein anderer, konkurrierender Investor
zum Zug kommt. Die Unternehmen können sich somit häufig
zwischen den Angeboten verschiedener Beteiligungsgesellschaften
entscheiden. Dass dies vor allem in der Spätphase und bei
großen Gesellschaften geschieht, spiegelt die Tatsache
wider, dass sich ein Großteil der Marktteilnehmer in den
letzten Jahren zur Spätphase und zu größeren
Deals hin orientiert haben.
Marktlücken: Herausforderung für
die Förderung Marktkonforme Verringerung der Angebotslücken
in der Frühphase und im kleinteiligen Segment. Von den befragten
Beteiligungsgesellschaften geben knapp 68 % an, dass sie dauerhafte
Angebotslücken im deutschen Beteiligungsmarkt sehen. Die
Angebotslücken werden insbesondere in der Frühphasenfinanzierung
(und dort vor allem in der Seed-Phase) und bei kleinen Investitionsvolumina
gesehen. Als wichtigste Gründe dafür, dass in manchen
Segmenten von den Beteiligungsgesellschaften keine Finanzierungen
angeboten werden, nennen die befragten Gesellschaften ein zu
hohes erwartetes Risiko und eine ablehnende Haltung der potentiellen
Beteiligungsnehmer gegenüber Beteiligungskapital. Ein zu
hohes Risiko dürfte insbesondere in der Frühphase eine
wichtige Rolle spielen, während Vorbehalte gegen Beteiligungskapital
vor allem bei familiengeführten mittelständischen Unternehmen
und damit tendenziell im kleinteiligen Segment zu vermuten sind.
Die von Bund, Ländern, EU sowie der KfW
und den Förderbanken bzw. Wagniskapitalgesellschaften der
Länder geleistete Beteiligungsmarktförderung sieht
sich der Herausforderung gegenüber, die Marktaktivität
in der Frühphase und im kleinteiligen Segment auf marktkonforme
Art und Weise zu verstärken und auszubauen. Mit dem ERP-Startfonds
sowie dem gemeinsam mit dem Bund und Partnern aus der Industrie
aufgelegten High-Tech- Gründerfonds hat die KfW Förderinstrumente
geschaffen, die dazu beitragen, die Investitionstätigkeit
in der Frühphase anzuschieben, ohne die natürliche
Marktentwicklung zu beeinträchtigen. Diese Förderinstrumente
machen es privaten Markteilnehmern möglich, riskante Frühphaseninvestitionen
gemeinsam mit der KfW zu tätigen. Auch der oftmals noch
skeptischen Haltung potentieller Zielunternehmen gegenüber
Beteiligungskapital wirkt die KfW entgegen. So findet seit 10
Jahren zweimal jährlich das gemeinsam mit der Deutschen
Börse organisierte Eigenkapitalforum statt, das dazu beiträgt
über die Wirkungen und die Funktionsweise von Beteiligungskapital
aufzuklären sowie potentielle Beteiligungsnehmer und Beteiligungsgeber
zusammenzubringen.
Fazit: Trotz erfolgreicher Konsolidierung
und einem spürbaren Reifeprozess gibt es weiterhin Defizite
in der Frühphase.
Der deutsche Beteiligungskapitalmarkt hat
in den letzten Jahren einen Konsolidierungsprozess durchlaufen,
der die Marktteilnehmer dazu gezwungen hat, sich stärker
auf bestimmte Marktsegmente und Geschäftsmodelle zu spezialisieren
sowie hinsichtlich der eingesetzten Instrumente und Strategien
professioneller und zielgerichteter aufzustellen. Da die Marktteilnehmer
inzwischen deutlich mehr Erfahrung aufweisen als zum Zeitpunkt
der Vorgängerstudie, lässt sich von einem spürbaren
Reifeprozess des deutschen Beteiligungskapitalmarktes sprechen.
Dies stimmt zuversichtlich für die zukünftige Marktentwicklung.
Es muss allerdings konstatiert werden, dass dieser Befund in
weitaus stärkerem Maße für die Spätphase
gilt, während der Konsolidierungsprozess in der Frühphase
noch nicht abgeschlossen ist und dort weiterhin ein ausgeprägter
Nachholbedarf besteht.
vN 7.7.06 (Quelle KfW) |