Erfolgreiches Change Management
durch Überzeugung
von Uwe Geiger
Das Abteilungsdenken der
letzten Jahre hat ausgedient. Auf Unternehmensebene müssen
Konkurrenten heute begrenzte Kooperationen eingehen, und dies
gilt auch zwischen den Bereichen eines Unternehmens. Die Informations-
und Kommunikationstechnologie eröffnet neue Möglichkeiten,
Leistungen schneller, höherwertiger und preiswerter zu erbringen.
Um eine solche Ausnutzung
und ein besseres Zusammen- spiel der involvierten Teile eines
Unternehmens zu erreichen, sind oftmals Veränderungen in
der Struktur notwendig. Zwei Beispiele können dies verdeutlichen.
Notwendigkeit für
Change Management durch ECR
Neue Strategien im Einzelhandel
wie das Efficient-Consumer-Response-Konzept (ECR) werden mit
neuen Informations- und Kommunikationstechnologien erst möglich
gemacht. Die Erfahrungen zeigen jedoch, dass im Zuge von ECR-Projekten
andere Qualifikationen und Verhaltensweisen der Mitarbeiter erforderlich
sind und dass sich klassische Berufsbilder zunehmend verändern.
ECR-Konzepte erfordern zwingend eine enge und intensive Kommunikation
zwischen einem Lieferanten - zum Beispiel dem Produzenten - und
einem Kunden, etwa dem Handel. In dieser Kommunikation ist ein
relativ hohes Maß an Offenheit erforderlich, da beide Seiten
Teile ihrer Daten und Systeme voreinander offen legen müssen.
Ein erster Erfolg kann schnell erreicht werden, da bei der auf
gleicher Ebene stattfindenden Kommunikation Ineffizienz schnell
erkannt und sichtbar wird. Die Revolution findet dabei in den
Köpfen der Beteiligten statt, weil es bei diesen Diskussionen
nicht um das Ausführen eines Auftrages des Top-Managements
geht, sondern um die eigene Arbeit. Dass die Einkäufer mit
den Lieferanten nicht mehr nur um die Preise verhandeln, sondern
gemeinsam über Verbesserungen diskutieren, ist bei weitem
nicht selbstverständlich und kann nicht per Dekret verordnet
werden.
Im Zuge der weiteren Einführung
von echten ECR-Konzepten und -Prozessen verändert sich die
Rollenverteilung weiter. Der Einkäufer, der sich früher
um Preise und Konditionen Gedanken machen musste, wird zum Leiter
eines Teams aus Logistikern, DV-Kollegen und Marketing-Spezialisten.
Ähnlich ergeht es
dem Disponenten: Durch den direkten Zugang zu Lager- oder Abverkaufsdaten
hat der Produzent einen Einblick in die Veränderungen der
Lagerbestände und kann somit seine Produktion besser planen
und den eigentlichen Bestellvorgang ausführen. Der Disponent
wird in seiner alten Rolle durch den Produzenten ersetzt oder
muss sogar die Seiten wechseln.
Notwendigkeit für
Change Management
In der klinischen Forschung
wird mit Hochdruck an verschiedenen Nutzungsmöglichkeiten
des Internets gearbeitet. Ein Arbeitsfeld, das auf den ersten
Blick für den Einsatz neuer Technologien besonders geeignet
erscheint, ist der Bereich der klinischen Studien. Bislang mussten
Kliniker und Praktiker unter der Anleitung von Monitoren umfangreiche
Erfassungsbögen ausfüllen, damit die Daten anschließend
- oftmals von studentischen Hilfskräften - eingegeben werden
konnten. Erst dann fand eine Auswertung statt. Nun soll die Erfassung
bereits an der Quelle erfolgen. Die entsprechenden Versuche laufen
unter dem Schlagwort "Electronic Data Capture".
Die ersten Erfahrungen
mit dieser Vorgehensweise zeigen, dass bereits bei der Erstellung
der elektronischen Formulare ein anderer Ansatz als bisher notwendig
ist. Die Anforderungen an die Fragen und Datenerhebungen kommen
zwar nach wie vor von der klinischen Forschung, doch wirken jetzt
in wesentlich stärkerem Maße die Monitore, Statistiker
und die Programmierer der elektronischen Bögen mit. Daher
müssen auch wesentlich früher der Aufbau, die Fragen
und das "Design" - das heißt die Anordnung und
Benutzerführung - festgelegt werden. Hier ist gleich zu
Beginn eine enge Zusammenarbeit von vorher getrennt arbeitenden
Bereichen und Spezialisten erforderlich. Die Eigenschaften der
neuen Technologie zwingen sie dazu. Aber auch bei der eigentlichen
klinischen Studie ist eine Änderung des Berufsbildes des
Clinical Research Associate (CRA) festzustellen. Zu seinem zukünftigen
Berufsbild werden bestimmte Elemente von Schulungen gehören,
die ihn beispielsweise befähigen, in Krankenhäusern
und Praxen die neuen elektronischen Bögen auszufüllen.
Generell zeigen diese beiden
Beispiele, dass durch die neuen Technologien und deren Möglichkeiten
ein positives Umdenken bei der Unternehmenskultur und im Verhalten
stattfinden muss. Um eine solche Veränderung in einem Unternehmen
erfolgreich zu gestalten ist ein Change-Prozess erforderlich.
Er hat das Ziel, die Mitarbeiter zu überzeugen, bestimmte
erforderliche Veränderungen nicht als Bedrohung aufzufassen
oder sich gar dagegen zu sträuben.
Vielmehr sollen sie die
Ziele der Veränderung akzeptieren und die Notwendigkeit
begreifen, sich aktiv darauf einzulassen und damit letztlich
zum gemeinsamen Erfolg beizutragen. Ein echter Change-Prozess
muss eine ganze Reihe von Aspekten gleichzeitig beachten und
dafür Antworten erarbeiten.
Die Bedeutung eines
Leitbildes
Wahrer Wandel wird durch
eine Kette von Einzelprozessen vorangetrieben. Der Ausfall eines
Gliedes in dieser Kette führt schnell zu unerwünschten
Reaktionen: Wird nicht genug Zeit und Mühe in die Erarbeitung
einer Vision im Sinne eines Werte-Rahmens, eines Leitbildes und
einer Strategie gesteckt, fehlt die Begründung, das Handlungsgerüst
und die Richtung für den Veränderungsprozess. Das Resultat
ist dann meist Verwirrung. Wird die Kommunikation über die
Vision nicht oder nur unzureichend betrieben, resultieren daraus
Unverständnis, Unkenntnis über die Zusammenhänge
und somit Ablehnung.
So ist es zunächst
einmal wichtig, ein Leitbild zu erarbeiten. Hierbei müssen
die Führungskräfte aktiv eingebunden sein um bereits
zu Beginn eine Identifikation mit dem Projekt sicher zu stellen.
Ein Kommunikationskonzept ermöglicht es, die Mitarbeiter
auf den verschiedenen Ebenen über die Zielsetzung, die Inhalte
und die konkreten Projekte zu informieren. Möglich ist hier
der Einsatz von regelmäßigen Meetings, internen Mitarbeiterzeitungen
und -foren und die Diskussion mit den Mitarbeitern. Anschließend
müssen konkrete Maßnahmen initiiert und in einer zweiten
Phase auch konsequent angewandt werden. Es muss ein Aktions-
oder Projektplan vorhanden sein, aus dem die Mitarbeiter das
Gesamtbild entnehmen können und aus dem auch immer wieder
hervorgeht, wo man im Umsetzungsprozess steht. Ohne diese Orientierungshilfe
entsteht Chaos.
Anreizsysteme sind zur
Unterstützung von geschäftlichen Zielen - wie Umsatz
und Ergebnis - notwendig. Wenn Ziele nicht mit entsprechenden
Incentive-Maßnahmen unterstützt werden, gewinnt oft
der natürliche Egoismus des Einzelnen die Oberhand. Die
Wirkung ist entsprechend: Die Veränderung wird nicht wirklich
gewollt. Fehlt ein entsprechender Anreiz, wird also der Wandel
sehr langsam ablaufen. Incentive-Maßnahmen können
aber auch extrem kontraproduktiv wirken. Für eigentliche
Selbstverständlichkeiten, wie zum Beispiel die Einführung
eines neuen Verfahrens, sollte deshalb nur in sehr begrenztem
Umfang - so zum Beispiel in der Einführungsphase, wo erhöhter
Aufwand anfällt - ein Anreiz gegeben werden. Die Anwendung
muss dann aber auch gleichzeitig durch das Management gefordert
und Nicht-Anwendung eventuell sogar sanktioniert werden.
Der Wille zur Veränderung
ist wichtig
Mangelnde Fähigkeit
zu eigenverantwortlichen Entscheidungen oder auch fehlende und
verzögerte Entscheidungen vom Management führen in
einem solchen Change-Prozess oft zu Ängsten. Der echte Wille
zur Veränderung wird in solchen Situationen nicht erkennbar
und es ist letztlich nicht klar, ob Aktionen im Sinne des angestrebten
Wandels auch honoriert werden. Einer der schwierigsten Punkte
in einem Veränderungsprozess kommt hier zum Tragen. Was
tun mit erfolgreichen Mitarbeitern, die die Veränderungen
nicht mittragen wollen? Jack Welch von General Electric empfiehlt
hier konsequentes Handeln: Solche Führungskräfte müssen
schnell von ihrer Position entfernt werden - trotz ihres Erfolges
im Geschäft. Keine leichte Aufgabe; jedoch ist es manchmal
sinnvoller, eine "negative" Leitfigur auszuschließen,
als eine notwendige Veränderung an einzelnen Personen scheitern
zu lassen. Für den Erfolg eines Change-Prozesses ist es
von großer Bedeutung, dass dieser vom Top-Management angetrieben
und vor allem vorgelebt wird. Alles andere ist unglaubwürdig.
Wer sich nicht selbst an die eingeforderten Regeln hält,
verspielt jedes Recht, dies von anderen zu fordern. Eine gute
Vorbereitung und Prozess-Begleitung ist deshalb unerlässlich.
|
Praktisches Beispiel
der Durchführung eines erfolgreichen Change-Management bei
Siemens Business Services (SBS)
Vor einiger Zeit wurde
von der SBS-Geschäftsleitung Deutschland ein Transformationsprogramm
gestartet um einige Schwachstellen in der Unternehmensorganisation
zu beseitigen. Hier die einzelnen Schritte in Kurzform:
1. Durchführen eines
Workshops für das obere Management
Ziel ist es, Visionen für das Unternehmen zu erarbeiten,
die auf einer gemeinsamen zukunftsfähigen Einschätzung
der Situation beruht. Sie dienen als Leitbild.
2. Initiierung konkreter
Maßnahmen in der ersten Phase des Transformationsprozesses
Sie umfassen die verschiedenen Aspekte der Unternehmens- kultur
und der Zusammenarbeit. Hier müssen Prioritäten gesetzt
werden, da zumeist nicht alle erkannten und zu verändernden
Punkte in der erste Phase angegangen werden können.
Bei Siemens SBS waren es
z.B.:
- Koordinierte und systematische
Markt- und Wettbewerberbeobachtung,
- Neuer einheitlicher Prozess
für das Innovations- management und eine Überleitung
in ein stringentes Opportunity Management,
- Einführung eines
einheitlichen Prozesses für das Kundenbeziehungsmanagement,
- Einheitliches Projektmanagement
"Laufbahn und Rollen",
- Schulung aller Mitarbeiter
in der zentralen Steuergröße des Unternehmens,
- dem Geschäftswertbeitrag,
- Neue Beurteilungskriterien
für Führungskräfte und Mitarbeiter für das
Zusammenleben in virtuellen Organisationen.
3. Erarbeitung eines internen
Kommunikationskonzeptes
Dies sollte gleichzeitig mit den ersten Maßnahmen entwickelt
werden, damit die Mitarbeiter auf den verschiedenen Ebenen über
die Zielsetzung, die Inhalte und die konkreten Pläne effektiv
informiert werden können. Die wichtigsten Eckpfeiler:
- Regelmäßige
Management-Meetings
- Interne Mitarbeiterzeitung
als Informationsinstrument
- Mitarbeiterforen
- Diskussion mit den Mitarbeitern
4. Zweite Phase des Transformationsprozesses
- Konsequente Zuordnung
der Ressourcen nach dem Geschäftsmodell,
- Konsequentes Anwenden
der Tools und Prozesse aus der ersten Phase
- Etablieren der virtuellen
und flexiblen Projektorganisation,
- Umstellung der Incentive-Systeme
zur Unterstützung der Zusammenarbeit nach dem Geschäftsmodell.
|
Der Autor Uwe Geiger ist
Leiter Business Development bei Siemens Business Services, München |