Die Inkompetenz der Berater

Der Schweizer Managementexperte Fredmund Malik kritisiert in seiner Kolumne für das Manager Magazin die verfehlten Ratschläge von Beratern, Trainern, Journalisten und Wissenschaftlern in der Phase des Börsen- und Internet- booms. Die jetzige Börsenkrise wäre nach seiner Auffassung vermeidbar gewesen. "Das einzig Gute an der eingetretenen Entwicklung ist, dass man die Inkompetenz jetzt ganz leicht erkennen kann. Sie ist überall dort gegeben, wo die Modewellen und Irrlehren der 90er Jahre entstanden und lauthals in die Welt getragen wurden. Daher ist zu empfehlen, zur Vermeidung weiteren Schadens immer nachzusehen, welche Meinungen jemand in den zurückliegenden Jahren vertreten hat und wie er sich heute rechtfertigt", so Malik.

Wer die New Economy hochgejubelt habe, verstehe nichts von Wirtschaft. Wer Shareholder Value und Börsenwertsteigerung propagierte, habe gefährlich wenig Ahnung von richtiger Unternehmensführung. Wer Stock Options für Manager forderte, ist naiv, weil er glaubte, an der Börse zeige sich die unternehmerische Leistung. "Die meisten E-Business-Apostel sind Träumer und Phantasten. Leute, die bei den Gründerwettbewerben dabei waren, von Business Models, Business Angels und Money Burnrate faselten, sind Ignoranten. Wer den Unfug von einer ewig steigenden Börse vertrat, ist historisch ungebildet oder latent betrügerisch", führt Malik aus.

Es sei zu erwarten, dass eine große Zahl von Leuten, die in diese Kategorien fallen, ihre Meinungen wie die Hemden wechseln und so tun, als hätten sie es immer schon besser gewusst, nie Unsinn vertreten und früh gewarnt. Sie würden ihre Fahnen nach dem Winde drehen und hoffen, dass niemand auf die Idee komme, ihren früheren Blödsinn zu recherchieren. Sie seien meistens nicht nur inkompetent sondern auch opportunistische Wendehälse.

"Man sollte solchen Typen keine Chance geben, gleichgültig welche Titel, Ränge, Statussymbole und Funktionen sie haben. Dummheit ist zwar nicht strafbar, aber man kann sie entlarven und anprangern. Vor allem sollte jene Dummheit gesellschaftlich geächtet werden, die nicht einem prinzipiellen Mangel an geistigen Fähigkeiten entspringt, sondern einem Mangel an Sorgfalt und Gewissenhaftigkeit. Das ist nicht ganz leicht, wenn diese Art der Dummheit in der beeindruckenden Maske des Experten auftritt, mit der Pose der Unfehlbarkeit vorgetragen und Kritik mit dem Pathos der Empörung erwidert wird", schreibt Malik.

Führungskräfte aller Organisationen müssten heute auch die Aufgabe und Verantwortung übernehmen, unbescheidenen Intellektuellen keine Plattform zu bieten, von wo aus sie Schaden anrichten können, und sie sollten den Mut haben, sie zu entfernen - aus Stabsorganisationen, Redaktionsteams, Beraterlisten und aus dem Ausbildungsbereich. Wenn man den geistigen Schrott entsorge, erreiche man eine höhere ökonomische Wirksamkeit, so Malik.

Maliks kritische Einschätzung der New Economy bestätigt der Vorstandschef des Beratungshauses Heaven2, Marek Wojcicki: Viele Internetunternehme seien in kurzer Zeit wahnsinnig schnell gewachsen. "Es lag aber nicht an den eigenen Marktaktivitäten, sondern an der gigantischen Kundennachfrage", sagt Wojcicki. Als sich die Nachfrage abschwächte, konnten die meisten neuen Internetunternehmen das Steuer nicht mehr herumreißen. In der Zeit des Internethypes wurden die jungen Unternehmer von allen mehr oder weniger in Watte gepackt: Von der Beraterseite, von den Analysten, von den Banken und von der Wirtschaftspresse. "Es gab eigentlich niemanden, kein Korrektiv, das denen gezeigt hätte, es geht nicht nur darum, sich von einer Finanzierungsrunde in die nächste zu begeben, sondern es geht auch darum, ein neues Geschäft aufzuziehen. Die Finanzwelt hat die geschäftlichen Risiken ignoriert und nur auf schnelles Wachstum gehofft. Es gab keine kritische Reflektion - alle waren zu gefräßig", kritisiert der ehemalige International Partner von Arthur Andersen.