Criticón: Hartz und
die beleidigte Gesellschaft
Trendforscher Horx über
die neuen Kampagnen der Mediokratie
Derzeit kann man in Deutschland
live studieren wie sich tiefbeleidigte Gesellschaften
entwickeln. Die Hartz-Hysterie hat das ganze Land erfasst.
In jeder Talkshow hocken Männer, die zu Tode betrübt
von tiefen Krisen murmeln. In jeder Kneipe läuft einem ein
Irrer über den Weg, der mit glasigem Blick Injurien gegen
Die da Oben schleudert. Auf einer Demonstration in
Leipzig brandet frenetischer Applaus auf, als eine Frau vom Podium
schreit: Ich weiß nicht, wie ich im nächsten
Monat meine Miete bezahlen soll! Allerorts Opferkulte,
Strafandrohung, Exitus der Maßstäbe, Grobheiten mit
Grandios-Effekt. Anlass ist eine Reform, die aus in Staatstransfers
Abgeschobenen wieder Menschen mit Arbeitschancen machen soll.
Die in ähnlicher Form in allen europäischen Ländern
längst vollzogen wurde auch in Schweden, Dänemark,
Holland, schreibt der Trendforscher Matthias Horx im Wirtschaftsmagazin
Criticón.
Beleidigt seien auch die Rechtschreibenden.
Mit ihren neuen Auguren aus SPIEGEL, Springer-Verlag und
FAZ wagen sie jetzt den Aufstand gegen die staatlich verordnete
Legasthenie der Rechtschreibreform. Einhunderttausend Zahnärzte,
pensionierte Beamte, Studienräte, alle wütenden Leserbriefschreiber
der Nation, die das ß von der Pike auf gelernt haben, können
triumphieren. So inszeniert man Kampagnen in der neuen Mediokratie:
Indem man selbst beleidigte Politik veranstaltet. Den Skandal
dann auflagensteigernd kommentiert. Und später lauthals
den Mangel an ziviler Gesellschaft beklagt, führt
Horx weiter aus. Beleidigte Gesellschaften würden ihre schwarze
Energie aus der Geschichte ziehen, in der sie mental steckengeblieben
seien. Beleidigt sind die Ostdeutschen, weil sie sich um
ihre Lebensleistung gebracht fühlen. Beleidigt ist das alte
Bürgertum, weil es durch Globalisierung und kulturelle Modernisierung
um seine Definitionsmacht gebracht wurde, so Horx.
Aber Zukunft passiere trotzdem.
Sie passiert in den vielen Ländern um uns herum. Länder,
die ihre Schmerzaufgaben schon vor Jahren gemacht haben. Die
gelassener auch durch Krisen steuern. Die völlig neu am
Anfang stehen. Zukunft geschieht in den Schwellenländern,
wo sich derzeit rasend schnell eine aufstrebende Schicht von
Bürgern mit bescheidenem Wohlstand entwickelt drei
Milliarden Konsumenten auf dem Weg nach IKEA, Starbucks und GAP.
Denn wir leben derzeit warum merkt es keiner? - in einem
weltwirtschaftlichen Boom ohnegleichen. Die Erniedrigten und
Beleidigten anderer Kulturkreise krempeln die Arme hoch und wagen
den Aufstieg. Zukunft ist nicht aufzuhalten, aller teutonischer
Depressionstheatralik zum Trotz, so das Resümee von
Horx. |