"Russland boomt", stellte der Russland-Experte Dr. Uwe Kumm (Roland Berger Strategy Consultants, Moskau) fest. Die wirtschaftliche Stabilität werde weiter anhalten, da man die Inflation mit sieben Prozent im Griff habe und die hohen Rohstoffexporte Russland große Währungsreserven beschert hätten.

Große politische Veränderungen durch die Präsidentschaftswahlen 2008 erwartet der Russland-Berater nicht. Die Zukunft Russlands hänge vielmehr davon ab, ob es gelingen werde, die Rohstoff-Abhängigkeit zu verringern und auch in anderen Branchen Fuß zu fassen. Die Rolle Russlands im internationalen Geschäft dürfe angesichts von 144 Millionen Menschen nicht unterschätzt werden, sagte er weiter. Insgesamt stiegen die Investitionen in Russland deutlich an. Da allerdings deutsche Investitionen prozentual abgefallen seien, plädierte Kumm für ein stärkeres Engagement deutscher Unternehmen. Russland sei dabei nicht nur als Absatzmarkt ein interessanter Standort, sondern auch als Produktionsstandort.

Besonders im Automobilbereich, in der Telekommunikation und im Handel gäbe es interessante Investitionsmöglichkeiten. "Der Einzelhandel wächst mit zehn Prozent und das nicht nur Moskau", stellte Kumm fest. Besonders russische Einzelhandelsketten dehnten sich aus und es sei ein baldiger Konsolidierungsprozess zu erwarten. Da rund sechzig Prozent des russischen Einzelhandels nicht modern abgewickelt würden, prognostizierte er große Potenziale für europäische Einzelhandelsketten sowie für deren Dienstleister und Logistiker.

Positiv beurteile der Roland-Berger-Berater auch die Entwicklungen auf dem viel gescholtenen russischen Bankensektor. Der hier begonnene Konzentrationsprozess wirke sich bereits positiv aus und habe die hemmende Praxis der kurzfristigen Kreditvergabe verbessert. "Eine Finanzkrise sehe ich nicht", sagte er. Große Potenziale prognostizierte Kumm für die Bauindustrie, sobald die schon lange angekündigten Infrastrukturprojekte umgesetzt würden. Über die Automobilindustrie urteilte er ebenfalls optimistisch: "Die Automobilindustrie könnte die vierte Kraft der russischen Wirtschaft werden."

Als Vertreter des Ministeriums für Wirtschaftsentwicklung und Handel der Russischen Föderation sprach Jurij Sergejewitsch Ljubimow über anstehende Veränderungen im russischen Unternehmensrecht. "Russland erlebt stürmische Zeiten," stellte er zunächst fest und verwies darauf, dass noch vor wenigen Jahren eine solche Entwicklung unvorstellbar gewesen wäre. Russland müsse sein Unternehmensrecht, sein Aktienrecht und sein Zivilrecht in sehr kurzer Zeit modernisieren.

Die wichtigsten Veränderungen beträfen das russische Unternehmensrecht. Er erinnerte daran, dass Russland sich wirtschaftlich anders entwickelt habe als Europa. Erst vor rund zehn Jahren seien die öffentlichen Unternehmen privatisiert worden. Das bestehende russische Unternehmensrecht spiegele aber nicht die neue Realität wieder.