Die Mittelstandspolitik der
Bundesregierung -
Bilanz und Ausblick
Rede des Bundesministers für
Wirtschaft und Technologie,
Dr. Werner Müller, am 13.12.2000 auf der Sitzung des DIHT-
Mittelstandsausschusses in Berlin
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Ich fange mal mit einem Zitat an:
"Insgesamt ist der Standort Deutschland heute attraktiver
als vor zwei Jahren beim rot-grünen Regierungsantritt. Die
Investitionsbedingungen haben sich deutlich verbessert. Das hat
nicht nur zu mehr Investitionen durch einheimische Unternehmen
geführt, sondern vor allen Dingen auch dazu, dass sich ausländische
Unternehmen verstärkt in Deutschland ansiedeln". Wer
dies gesagt hat, ist der Präsident des DIHT in der "Welt"
vom 24. Oktober 2000. Und wo er Recht hat, hat er Recht!
So wundert es mich auch nicht, dass
die Andreas Stihl AG & Co. vor kurzem angekündigt hat,
ihre Kapazitäten in Deutschland auszuweiten. Die deutsche
Wirtschaft befindet sich in einem tiefgreifenden Strukturwandel.
Die Globalisierung der Märkte und der Wandel von der Industrie-
zur Wissens- und Informationsgesellschaft bestimmen die Entwicklung.
Neue Produkte und Dienstleistungen entstehen in einem immer schnelleren
Tempo, der Wettbewerbsdruck nimmt zu. In diesen Zeiten kann und
wird Deutschland von seiner mittelständisch geprägten
Wirtschaftsstruktur profitieren. Denn es waren schon immer die
mittelständischen Unternehmen, die in den ökonomischen
Umbruchsituationen die Richtung vorgegeben und das Tempo bestimmt
haben. Aufgabe der Politik ist es, dafür zu sorgen, dass
der Innovations- und Jobmotor Mittelstand reibungslos und auf
möglichst hohen Touren läuft. Das wichtigste Ziel ist
dabei die Schaffung von Rahmenbedingungen, die unternehmerisches
Engagement fördern und so neue Arbeitsplätze schaffen.
Mit der Steuerreform hat die Bundesregierung einen entscheidenden
Schritt nach vorne getan. Neben den Familien und den Arbeitnehmern
ist der Mittelstand der eindeutige Gewinner der Reform. Insgesamt
führen die Steuerprogramme der Bundesregierung von 1998
bis 2005 zu einer Nettoentlastung des Mittelstandes von rund
30 Milliarden DM. Wir korrigieren damit eine Schieflage zu Lasten
des Mittelstandes, die in der Zeit der Vorgänger-Regierung
entstanden ist.
Mit den Steuerentlastungen erhalten
die Verbraucher und Unternehmen spürbar mehr Geld in die
Hand. Das stärkt den privaten Konsum und erleichtert die
Finanzierung von Investitionen - beides Grundlagen für Wachstum
und Beschäftigung. Fürs Erste ist der Steuersenkungsspielraum
aber nun ausgeschöpft. Denn wir dürfen nicht die dringend
notwendige Sanierung der Staatshaushaltes gefährden. Ohne
die würde uns zukünftig das Geld für Forschung
und Entwicklung, für Bildung und Ausbildung, für Infrastrukturmaßnahmen
und die Unterstützung von Existenzgründern fehlen.
Bis zum Jahr 2006 wollen wir die Neuverschuldung auf Null reduzieren.
Und damit schaffen wir nicht nur Spielräume für Zukunftsinvestitionen,
sondern auch eine Voraussetzung für niedrigere Zinsen; und
gerade die sind für den traditionell mit wenig Eigenkapital
ausgestatteten Mittelstand besonders wichtig.
Auch mit unserem neuen "Aktionsprogramm
Mittelstand" tragen wir der gesellschafts- und wirtschaftspolitischen
Bedeutung des Mittelstandes Rechnung. In dem Programm haben wir
die Vielzahl der Einzelmaßnahmen gebündelt, die sich
zugunsten kleiner und mittlerer Unternehmen auswirken. Lassen
sie mich hier auf einige wichtige Elemente näher eingehen:
I. Wir sichern die Finanzierung
des Mittelstandes
Unternehmensgründerinnen und
-gründer bringen neue Ideen und damit auch Wettbewerb, Innovation
und neue Arbeitsplätze in unsere Wirtschaft. Die Bundesregierung
wird deshalb die bewährten finanziellen Förderprogramme
für Existenzgründerinnen und -gründer auf hohem
Niveau fortsetzen. Dies gilt auch für die Programme für
bestehende und wachsende Unternehmen. Aber die Bundesregierung
hat bei der finanziellen Förderung auch neue Akzente gesetzt.
Durch die Einführung des DtA-Startgeld-Programms werden
insbesondere kleinere Gründungsvorhaben im Dienstleistungsbereich
erleichtert. Und das neue Fenster "Beschäftigung und
Qualifizierung" des KfW-Mittelstandsprogramms dient speziell
der Finanzierung zusätzlicher Arbeitsplätze, ohne dass
"harte Investitionen" damit verbunden sein müssen.
Damit die Kreditversorgung für
kleine und mittlere Unternehmen zu angemessenen Konditionen gesichert
bleibt, hat sich die Bundesregierung intensiv dafür eingesetzt,
bei der Neuregelung der Baseler Eigenkapital- Unterlegungsvorschriften
für Kreditinstitute mittelstandspolitischen Belangen Rechnung
zu tragen. Mit Erfolg: der Vorschlag, nur externe Ratings zur
Bemessung der Risiken zuzulassen, dürfte vom Tisch sein.
Auch die in Deutschland seit langem üblichen internen Rating-Verfahren
der Kreditwirtschaft werden als gleichwertig akzeptiert. Darüber
hinaus sollen auch Besonderheiten von mittelständisch strukturierten
Kreditportfolios, wie sie insbesondere bei den Sparkassen und
Genossenschaftsbanken vorkommen, berücksichtigt werden.
Im übrigen ist die Bundesregierung mit der Kreditwirtschaft
im Gespräch, wie die Finanzierung des Mittelstandes unter
den veränderten Rahmenbedingungen sichergestellt werden
kann.
Die Gemeinsame Erklärung zur
"Finanzierung des Mittelstandes", die wir vor knapp
drei Wochen veröffentlicht haben, stellt hier einen bedeutsamen
Schritt dar. Alle Gruppen der Kreditwirtschaft bekräftigen
darin, dass sie die Mittelstandsfinanzierung als Kernbereich
ihres Firmenkundengeschäfts ansehen. Dies ist eine Voraussetzung
dafür, dass der Bankendurchleitungsweg, an dem alle Beteiligten
festhalten, weiter funktionieren kann. Das Bundesministerium
für Wirtschaft (BMWi) wird seinen Beitrag dazu leisten,
dass insbesondere kleinere Unternehmen ihre Kredite auch in Zukunft
zu angemessenen Konditionen erhalten. So müssen alle Möglichkeiten
genutzt werden, die Bankendurchleitung schlank und kostengünstig
zu machen, zum Beispiel durch Einsatz elektronischer Medien oder
einfachere Programmabwicklung ohne großen Verwaltungsaufwand.
Neben einer risikoabhängigen
Gestaltung der Margen wird auch eine Verstärkung der Risikoentlastung
durch die Nutzung der vorhandenen öffentlichen Garantieinstrumente
geprüft. Neue Wege der Risikoentlastung durch Verbriefung
von Kreditrisiken und deren Platzierung am Kapitalmarkt sollen
weitere Spielräume für Mittelstandskredite schaffen.
Die Kreditanstalt für Wiederaufbau ist gerade dabei, ein
solches Instrument zu entwickeln und zu testen.
II. Wir unterstützen
die Innovationsfähigkeit des Mittelstandes
Deutschland als moderne Industrienation
braucht ein hohes Maß an Innovationen, um im internationalen
Wettbewerb bestehen zu können. Zwar besitzen wir eine starke
Stellung auf den Weltmärkten für technologieintensive
Produkte. Dennoch müssen Wirtschaft und Staat dauernd darum
bemüht sein, diese Stellung zu sichern und auszubauen. Die
Bundesregierung räumt der Forschungs- und Technologiepolitik
deshalb einen herausragenden Stellenwert ein.
Im Haushalt für 2001 hat das
BMWi einen Anstieg der Mittel für Forschung und Entwicklung
(FuE) gegenüber 2000 um rund 80 Millionen DM auf 930 Millionen
DM zu verzeichnen. Das BMWi hat mit dem Konzept "Technologiepolitik
- Wege zu Wachstum und Beschäftigung" der Innovationspolitik
ein neues zukunftsgerichtetes Profil gegeben. Ein wichtiger Eckpunkt
dieses Konzepts stellt die Förderung des innovativen Mittelstands
dar. Im einzelnen sieht das Konzept vor:
- 1. Die Verbesserung des Zugangs
innovativer Unternehmen zu Beteiligungskapital und langfristigen
Darlehen. Hier rechnen wir damit, dass allein über das BTU-Programm
in den nächsten Jahren jeweils rund zwei Milliarden DM Beteiligungskapital
für junge Technologieunternehmen im Frühphasensegment
mobilisiert werden kann.
- 2. Die Förderung der technischen
Beratung über die Nutzung neuer Technologien, zum Beispiel
durch das Technologieberatungsnetzwerk in den neuen Bundesländern.
Und schließlich
- 3. Die Förderung von Forschungskooperationen
und des Austauschs von Wissen und Personal zwischen Unternehmen
untereinander und mit Forschungseinrichtungen, zum Beispiel im
Rahmen der neu geschaffenen Programme PROINNO, InnoNet und ZUTECH.
Dass Förderprogramme hierbei eine notwendige, jedoch keine
hinreichende Bedingung sind, zeigte sich jüngst im Ergebnis
der DIHT-Umfrage zur "Kundenzufriedenheit der Unternehmen
mit Forschungseinrichtungen". Einen Punkt daraus möchte
ich besonders betonen; dort heißt es: "Unternehmen
mit eigenen FuE-Ressourcen haben generell mehr Kontakte zu Forschungseinrichtungen
als Unternehmen ohne." Ergo: Entsprechende Kompetenz im
Unternehmen ist Voraussetzung, Potenziale aus der Wissenschaft
erschließen zu können.
III. Wir fördern die
verstärkte Anwendung der
Informations- und Kommunikationstechnik
Die Innovationsfähigkeit des
Mittelstandes hängt ganz entscheidend davon ab, ob es ihm
gelingt, die Potenziale der modernen Informations- und Kommunikationstechnik
auszuschöpfen. Dabei geht es nicht nur um die Unternehmen
der so genannten New Economy. Vielmehr wird auch in den klassischen
Branchen die Wettbewerbsfähigkeit und die Beschäftigungssituation
zunehmend von der Kompetenz im Umgang mit den neuen Informationstechnologien
bestimmt. Der Mittelstand ist bei der Nutzung der elektronischen
Netze zwar auf dem Vormarsch. Dennoch gibt es im Vergleich zu
anderen Ländern immer noch eine Anwendungslücke. Das
BMWi fördert deshalb unter anderem 24 regionale Kompetenzzentren
für den elektronischen Geschäftsverkehr, die kleine
und mittlere Unternehmen mit Informations-, Beratungs- und Schulungsangeboten
in der kommerziellen Nutzung des Internets unterstützen.
Für die speziellen Bedürfnisse
der Freien Berufe und der Tourismuswirtschaft werden in nächster
Zeit eigene E-Commerce-Kompetenzzentren eingerichtet. Um die
kommerzielle Nutzung des Internets durch den Mittelstand voranzutreiben,
hat das BMWi auch den "Deutschen Internetpreis" ins
Leben gerufen. Der Wettbewerb, der von Unternehmen der Informationswirtschaft
gesponsert wird, ist auf fünf Jahre angelegt und wurde erstmals
auf der CEBIT 2000 verliehen. Mit dem Preis werden die besten
Internet- Produkte, Internet-Verfahren oder Internet-Dienstleistungen
zu jährlich wechselnden Schwerpunktthemen ausgezeichnet.
Das Thema des Deutschen Internetpreises 2001 ist die Integration
von E-Logistikprozessen in das E-Business von kleinen und mittleren
Unternehmen. In den nächsten vier Jahren werden wir zudem
gemeinsam mit der Deutschen Telekom und dem ZDH einen Internetpreis
für das Handwerk vergeben. Der elektronische Geschäftsverkehr
wird in Deutschland nur dann die Erwartungen erfüllen, wenn
die Unsicherheit über die rechtlichen Bestimmungen und die
Angst vor Betrug und Datenmissbrauch bei den Verbrauchern, aber
auch im B2B-Handel abgebaut sind. Der Staat ist dabei in der
Pflicht, wirtschafts- und verbraucherfreundliche gesetzliche
Rahmenbedingungen zu entwickeln. Die Bundesregierung nimmt diese
Aufgabe sehr ernst und wird in dieser Legislaturperiode die notwendigen
Gesetzesvorhaben auf den Weg bringen - von der Umsetzung der
Richtlinien über E-Commerce und elektronische Signaturen
bis hin zur Abschaffung von Rabattgesetz und Zugabeverordnung.
IV. Wir bringen die Aus-
und Weiterbildung auf den neusten Stand
Globalisierung und Strukturwandel
lassen sich nur mit gut ausgebildeten Fachkräften bewältigen.
Ebenso wie sich Schulen und Hochschulen auf veränderte Qualifikationsanforderungen
einstellen müssen, so ist auch das Berufsbildungssystem
kontinuierlich zu modernisieren. So wurden allein in den letzten
zwei Jahren 36 bestehende Berufe auf den neusten Stand gebracht
und sieben neue Ausbildungsberufe geschaffen. Im Rahmen des Bündnisses
für Arbeit, Ausbildung und Wettbewerbsfähigkeit hat
das BMWi mit den Sozialpartnern weitere 20 neue Berufe vorberaten.
Ein besonderer Bedarf an neuen Berufen besteht auf dem Gebiet
der Informations- und Kommunikationstechnik. Um hier die Nachfrage
der Wirtschaft nach qualifiziertem Personal zu decken, wurden
in den letzten drei Jahren auf Initiative der Bundesregierung
bereits sieben neue Berufe geschaffen, unter anderem der IT-System-
Elektroniker. Um über die vorhandenen IT- und Medienberufe
hinaus der überaus dynamischen Entwicklung im Internetbereich
Rechnung zu tragen, hat das BMWi zudem ein Aktionsprogramm "Neue
Berufe im IT-, Medien und Internetbereich" gestartet. Es
ist erfolgreich angelaufen und dürfte noch im Laufe des
Jahres zu Vorschlägen für neue beziehungsweise zu modernisierende
Berufe führen.
Mit den Sozialpartnern haben wir
auch die Einführung einer Standardposition "Umgang
mit IT-Technologien" besprochen. Sie soll in allen künftigen
Neuordnungsverfahren umgesetzt werden. Dem inländischen
Arbeitsmarkt fehlen derzeit immer noch 75.000 bis 100.000 IT-Fachkräfte.
Im Rahmen des Bündnisses für Arbeit haben wir deshalb
eine Reihe von Maßnahmen vereinbart, mit denen das Fachkräfteangebot
bis zum Jahr 2005 um 250.000 gesteigert werden soll. Das dort
genannte Ziel, die Zahl der betrieblichen Ausbildungsplätze
in diesen Berufen bis zum Jahr 2002 auf 40.000 zu erhöhen,
wird erfreulicherweise bereits dieses Jahr erreicht. Im Rahmen
der Initiative "D 21" hat der Bundeskanzler mit der
Industrie zudem vereinbart, die Zahl der betrieblichen Ausbildungsplätze
bis spätestens zum Jahre 2003 nochmals um 20.000 auf 60.000
zu erhöhen. Außerdem wird die Bundesanstalt für
Arbeit ihr Angebot an Weiterbildungsmaßnahmen auf 40.000
steigern. Der kurzfristige Bedarf an Fachkräften wird durch
die "Green-Card" für ausländische IT-Spitzenkräfte
aufgefangen. Die Regelungen hierzu sind planmäßig
am 1. August 2000 in Kraft getreten. Bis Ende November sind bereits
3.500 Arbeitserlaubnisse erteilt worden. Es spricht einiges dafür,
dass bis Mitte 2001 die erste Tranche von 10.000 "Green
Cards" vergeben sein wird.
Aber auch in anderen Branchen mangelt
es an Fachkräften. Um im globalen Wettbewerb bestehen zu
können, brauchen wir deshalb eine geregelte Zuwanderung
nach Deutschland. Die Bundesregierung strebt hier einen möglichst
breiten gesellschaftlichen Konsens an. Der Bundesminister des
Innern hat daher eine Unabhängige Kommission "Zuwanderung"
berufen, die bis Mitte 2001 Empfehlungen für eine neue Zuwanderungspolitik
erarbeiten wird. Wirtschaft und Politik, aber auch der einzelne
Bürger, sind gefordert, eine gesellschaftliche Atmosphäre
zu schaffen, in der sich Zuwanderer wohl fühlen können.
"Kinder statt Inder"- Kampagnen oder das Verwenden
von missverständlichen Begriffen wie dem der "Leitkultur"
sind kontraproduktiv und schaden unserem Land.
V. Wir unterstützen
die Internationalisierung des Mittelstandes
Deutschland ist international verflochten
wie kaum eine andere Volkswirtschaft dieser Größenordnung.
Gerade für kleine und mittlere Unternehmen wird das Auslandsgeschäft
immer wichtiger. Dies zeigt auch die Schätzung des DIHT,
nach der sich der Anteil des Auslandsgeschäftes am Gesamtumsatz
mittelständischer Unternehmen bis 2005 nahezu verdoppeln
könnte. Um dieses Ziel besser zu erreichen, wird das BMWi
sein bewährtes außenwirtschaftliches Instrumentarium
für den Mittelstand noch stärker nutzbar machen.
Ziel ist es, alle Maßnahmen auf den Beratungsbedarf der
mittelständischen Wirtschaft auszurichten. So wird mit unserer
Unterstützung zum Beispiel das Netz der Auslandshandelskammern,
Delegiertenbüros und Repräsentanzen erweitert. Erfreulich
finde ich die Zusammenarbeit im Rahmen des "Serviceverbundes
Außenwirtschaft", die wir fortsetzen und ausbauen
wollen. Wir werden zudem die politische Unterstützung für
die mittelständischen Unternehmen im Ausland verstärken.
Noch ein Wort zur Reform des Betriebsverfassungsgesetzes
und des gesetzlich verankerten Anspruches auf Teilzeitarbeit.
Ich kann verstehen, dass diese Reformen bei vielen Unternehmern
nicht gerade mit Begeisterung aufgenommen werden. Aber der eine
oder andere hat sich doch von der publizistisch inszenierten
Rauchentwicklung etwas in die Irre führen lassen. Im Interesse
der Wirtschaft wurde ja in den Gesetzesvorhaben bereits eine
Menge erreicht. Ein Anspruch auf Teilzeitarbeit besteht nur bei
Betrieben mit mehr als 15 Mitarbeitern. Damit sind über
75 Prozent der Betriebe von den Regelungen überhaupt nicht
betroffen. Der Arbeitgeber kann zudem den Antrag des Arbeitnehmers
ablehnen, wenn dem "betriebliche Gründe" entgegen-stehen.
Damit ist sicher- gestellt, dass die Arbeitnehmer Wünsche,
die nicht in die betriebliche Organisation passen, auch nicht
durchsetzen können. Hundert Prozent aller Betriebe werden
jedoch von der nun auf Dauer im Gesetz verankerten Möglichkeit
profitieren, Mitarbeiter befristet einzustellen. Abgesehen davon
ist Flexibilität keine Einbahnstraße. Die Unternehmen
verlangen heute von ihren Mitarbeitern ein Höchstmaß
an Flexibilität. Ich denke, da ist es nur recht und billig,
wenn die Unternehmen ihrerseits auf den Wunsch nach Teilzeit
flexibel reagieren.
Was die Reform des Betriebsverfassungsgesetzes
angeht, so lassen Sie mich dazu nur sagen:Die Mitbestimmung hat
sich bewährt. Chancengleichheit und der Schutz vor Diskriminierung
beispielsweise müssten schließlich auch dann sichergestellt
sein, wenn sich bislang kein Betriebsrat darum kümmert.
Amerikanische Unternehmen kostet das viel Geld. Ein Betriebsrat
ist da häufig die billigere und weniger bürokratische
Lösung. Deswegen spricht auch nichts dagegen, die gesetzlichen
Grundlagen ab und zu den veränderten wirtschaftlichen Realitäten
anzupassen. Das Betriebsverfassungsgesetz von 1972 muss sich
schließlich weiterentwickeln, will es mit den in den letzten
Jahren zunehmenden Veränderungen in der Arbeitswelt Schritt
halten. So befürworte ich zum Beispiel nachdrücklich
eine Aufhebung des nicht mehr den aktuellen wirtschaftlichen
Gegebenheiten entsprechenden Gruppenprinzips und die Aufhebung
der Sonderregelungen für Arbeiter und Angestellte. Dies
würde auch aus Sicht der Wirtschaft das Wahlverfahren erheblich
vereinfachen.
Im übrigen: Eine Ausweitung
der Mitbestimmungsrechte, abgesehen von Fortbildungsmaßnahmen,
ist im Gesetzentwurf des BMA nicht vorgesehen, auch wenn oft
das Gegenteil verbreitet wird. Allerdings gibt es Informationsrechte
des Betriebsrates, die aber nur jene unangenehm treffen, die
es vorziehen, ihre Betriebsräte uninformiert zu lassen.
Die Bundesregierung hat in den letzten
Monaten wichtige wirtschafts- und finanzpolitische Aufgaben angepackt
und auf den Weg gebracht. Die Wahrnehmung Deutschlands hat sich
international zum Positiven gewendet. Der kranke Mann in Europa
- so wurde Deutschland aufgrund des jahrelangen Reformstillstandes
genannt - ist auf dem Weg der Genesung und hat sich vom Krankenbett
erhoben. Die deutsche Wirtschaft befindet sich in einem kräftigen
Aufschwung. In diesem Jahr wird das Bruttoinlandsprodukt um real
drei Prozent zunehmen. Das ist das höchste Wachstum seit
der Wiedervereinigung. Für das kommende Jahr prognostizieren
die Wirtschaftsinstitute trotz des höheren Ölpreises
ein Wachstum von 2,7 Prozent. Die Zahl der Arbeitslosen liegt
in Deutschland derzeit bei 3,64 Millionen und damit um 255.000
niedriger als vor einem Jahr. Dies ist der niedrigste Wert in
einem November seit 1994. Im Jahresdurchschnitt wird sie bei
rund 3,9 Millionen liegen. Im kommenden Jahr wird sie um fast
300.000 auf durchschnittlich 3,6 Millionen zurückgehen.
Das dabei der Mittelstand eine wichtige Rolle spielen wird, zeigt
die Herbstumfrage des DIHT.
Wir haben in diesem Land die Chance,
das erste Jahrzehnt des neuen Jahrhunderts zu einer Dekade des
wirtschaftlichen Aufschwungs zu machen. Lassen Sie uns daran
gemeinsam arbeiten!
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